Offenheit

Südtirol ist ein besonderes und vielfältiges Land mit großen Chancen. Um uns wirtschaftlich und kulturell ständig weiterzuentwickeln, müssen wir die großen Potentiale, die unser Land zweifelsohne hat, auszuschöpfen. Dafür müssen wir die Mauern in unseren Köpfen abbrechen und mit kritischer Offenheit Neuem begegnen. Traditionen und Bräuche sind in Zeiten, wo vieles austauschbar und beliebig geworden ist, wichtige identitätsstiftende Merkmale. Im Bewusstsein unserer Wurzeln aber gilt es die gesellschaftlichen Veränderungen wahrzunehmen und aktiv zu gestalten.


Eigenständigkeit

Junge Menschen müssen auf ihrem Weg in die Eigenständigkeit Unterstützung erfahren und begleitet werden. Denn gerade in den ersten, zumeist prekären Berufsjahren stehen parallel die Gründung einer eigenen Familie oder die Realisierung eines Eigenheims an. Wir müssen die Bedingung dafür schaffen, dass der Schritt in ein selbstständiges Arbeits- und Familienleben gelingen kann.           

Die Südtiroler Autonomie hat unserem Land viel Gutes gebracht und war Garant für Sicherheit und Stabilität. Diesen Weg, der ein  über viele Jahrzehnte beschwerlicher war, gilt es fortzusetzen, um die maximale Eigenständigkeit unseres Landes in einem föderalen Europa zu erreichen


Dialog

Südtirol braucht eine neue Diskussionskultur. Die Bevölkerung wünscht sich heute mehr denn je, in den Prozess der Gestaltung eingebunden zu werden. Deshalb sollen neue Formen der Mitbestimmung vor politischen Entscheidungen angewandt werden. Umso mehr Menschen frühzeitig mit eingebunden werden, desto größer ist die Identifikation mit der Politik und die (Eigen-)Verantwortung gegenüber den getroffenen Entscheidungen. Mit dem Bildungsdialog habe ich dahingehend neue Wege gesetzt und werde alle an Bildung Interessierte mit einbeziehen, wenn es in den kommenden Monaten und Jahren darum geht, die Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches Lehren und Lernen laufend weiterzuentwickeln. Gerade im Bildungsbereich sollte es niemals ein Gegeneinander, sondern immer ein Miteinander geben.

Der Wunsch vieler junger Südtirolerinnen und Südtiroler ist es, aus dem Nebeneinander der Sprachgruppen ein Miteinander werden zu lassen und gemeinsam über die Zukunft unseres Landes zu bestimmen. Daher sind konkrete Initiativen in gegenseitigem Respekt zu fördern, welche ein Zusammenwachsen ermöglichen und noch bestehende und stets wiederkehrende Konflikte abbauen


Europaregion Tirol

Die Europaregion Tirol ist ein einzigartiger und liebens- und lebenswerter Kulturraum, der geprägt ist von einer gemeinsamen Geschichte und Kultur, aber auch von gemeinsamen Herausforderungen. Das Zusammenwachsen der drei Länder in der Euregio muss schrittweise institutionell gelingen, damit die Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden, dass auch die Menschen in der Euregio dieses Miteinander spüren und leben können. Gerade in der Kultur bieten sich vielfältige Möglichkeiten für ein verstärktes Miteinander an – mit der Euregio-Kulturvereinbarung haben wir versucht, den Austausch zwischen den Kulturträgern zu fördern, die Angebote zu vernetzen und Unterstützung für gemeinsame Initiativen zu geben.


Mehrsprachigkeit

Südtirol zählt zu den wenigen Regionen Europas, welche die Zielvorgabe des Europäischen Rates vom März 2002 schon heute erfüllen, wonach jedes Kind in der EU neben seiner Muttersprache zusätzlich zwei Fremdsprachen sprechen soll. Die Chancen, die sich unserem Land aufgrund seiner Mehrsprachigkeit bieten, müssen wir ergreifen: denn die Mehrsprachigkeit ist nicht nur ein Reichtum für unser Land, sondern auch eine persönliche Qualifikation und ein bedeutender wirtschaftlicher Vorteil. Gerade im Bildungsbereich setzt man bereits seit vielen Jahren unterschiedliche Maßnahmen zur Förderung der Mehrsprachigkeit. Besonderer Beachtung gilt dabei der Förderung der Erst- und Muttersprache, daneben werden weitere zahlreiche Maßnahmen gesetzt, um die Fähigkeiten auszubauen, mehrere Sprachen zu sprechen und zu verstehen.


Europa

"Wir brauchen mehr Europa, nicht weniger"

Mein Beitrag zur Summer School 2016 auf die Fragen: Was sind Ihre Utopien, wenn Sie an das gegenwärtige Europa denken? Welche Visionen brauchen wir und welche Erwartungen dürfen wir an ein vereintes Europa hegen, das gerade vielen Zerreißproben ausgesetzt ist? Was wünschen Sie sich für die Zukunft als Europäer? Wie wichtig sind Kunst und Kultur bei der Umsetzung Ihrer Utopien und warum?

 "Die Einheit Europas war ein Traum von wenigen. Sie wurde eine Hoffnung für viele. Sie ist heute eine Notwendigkeit für uns alle." Der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer definierte schon 1954 in seiner Regierungserklärung, dass die europäische Einigung durch Integration nicht nur ein Gebot der Stunde, sondern eine unverzichtbare Voraussetzung dafür ist, den bis dahin zerrütteten Kontinent dauerhaft zu stabilisieren. Mit der EGKS zunächst, dann mit der Europäischen Gemeinschaft und schließlich der politischen Union wurde ein rechtlicher Rahmen geschaffen, der den vormals verfeindeten Staaten über die wirtschaftliche Verzahnung hinaus auch die Chance zur Herausbildung einer Wertegemeinschaft bot. Damit gesellte sich neben der Friedenssicherung und der Steigerung des wirtschaftlichen Wohlstands auch das innere Zusammenwachsen als Treibkraft und Zielrichtung der europäischen Integrationsentwicklung. Dass sich das Herausbilden einer europäischen Zusammengehörigkeit aber nicht über die Institutionen alleine bewerkstelligen würde, mahnte der italienische Ministerpräsident Alcide Degasperi schon 1951 bei der beratenden Versammlung der EGKS an: „Wenn wir ohne einen von einem zentralen Organ kontrollierten, übergeordneten politischen Willen lediglich gemeinsame Verwaltungen aufbauen, in der nationale Interessen aufeinandertreffen, sich herauskristallisieren und zu Höherem verbinden, läuft diese europäische Aktivität Gefahr, ohne Leben zu bleiben – im Vergleich zur Vitalität nationaler Vorhaben.“ Heute, 65 Jahre später, müssten wir uns eigentlich damit auseinandersetzen, welche Mission Europa heute hat und welche Rolle dieser Kontinent in der Welt spielt. Europa ist nicht nur die EU, aber diese politische Union hat wesentlich zur europäischen Integration beigetragen, indem ihre Gründerväter dieses Friedens-Projekt auf die Bedeutung des Verbindenden fokussierten. Heute müssen wir jedoch wahrnehmen, dass wir innerhalb der Europäischen Union mit seinen 27 Mitgliedsstaaten weit von einer Grundlage von einem gemeinsamen Leitbild entfernt sind. Ihre Mitglieder sind nicht imstande, ein gemeinsames Wertegerüst zu definieren, auf dessen Basis die Lösungskonzepte für die aktuellen Herausforderungen definiert werden müssten. Die Sinnkrise der Gemeinschaft wird damit beherrschend. Der „Brexit“ ist nur eines der vielen Symptome dafür, dass die EU für ihre Mitglieder zwar Vorteile wirtschaftlicher Natur bringt, aber ansonsten scheinbar alles andere als „sexy“ ist, meinen zumindest die Briten. Die wichtigen Schritte zur europäischen Integration konnten indes immer dann gesetzt werden, wenn die eigenen, nationalstaatlichen Interessen ein Stück weit hintan gestellt wurden. Oder um es in den Worten von Jürgen Habermas zu sagen: „Kompromisse sind nur unter kompromissbereiten Partnern möglich und dafür dürfen die Interessenlagen nicht zu weit auseinandergehen“. Welche Werte verbinden also heute Europa und die europäischen Staaten und wozu will sich Europa bekennen? Was ist schließlich die wahre Leistung der europäischen Union? Die aktuelle Krise gilt es als Chance zu erkennen. In diesem Sinne bräuchte es wieder mehr Europa und nicht weniger! Jedoch ein mehr an Europa nicht nur durch die immer enger werdende wirtschaftliche Verflechtung, sondern vor allem auch im Sinne der innereuropäischen Kooperation, Solidarität und Verständigung über das Gemeinsame. Die Verfechter für ein Europa mit einem verstärkt nationalstaatlichem Anstrich mögen sich derzeit zwar im Aufwind befinden. Ich bin jedoch überzeugt, dass sich trotz dieser Gegenbewegungen durch sieben Jahrzehnte europäische Integration in den Zivilgesellschaften eine europäische Identität entwickelt hat, die letztlich die entscheidende Triebkraft des Zusammenhalts sein kann. Kern und Motor für diese europäische Identität ist unter anderem Kultur. Es muss deshalb gerade auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Einsicht gelten, dass Kultur ganz wesentlich zum Reifen einer Gesellschaft beiträgt. Kultur fördert das Verständnis über gemeinsame Wurzeln auf der einen und Unterschiede auf der anderen Seite. Sie bildet damit die notwendige Voraussetzung und ein wertvolles Vermögen, auf deren Grundlage gesellschaftliche Weiterentwicklung passieren kann. Und damit auch die Weiterentwicklung und Festigung der europäischen Identität durch Inklusion.